Handel und Wandel

Die Apotheken in Ost-Berlin hatten große Probleme damit, die benötigten Arzneimittel und Apothekenwaren zu beschaffen. Noch war die Mauer nicht gebaut, und die Ostberliner konnten die Apotheken im Westteil aufsuchen. Die Neue Zeitung schrieb am 12.11.1950:

Ein reger Grenzverkehr herrscht in den nahe am Ost-Sektor gelegenen Apotheken. Herzstärkungs- und Anti-Tbc-Mittel, Penicillin und Lebertran werden hier immer wieder von Ost-Berlinern verlangt…..Penicillin ist in Ostzone und Ost-Sektor in lebenswichtigen Fällen nicht aufzutreiben. Salvarsan wird in so schlechter Qualität in der sowjetischen Zone hergestellt, dass üble Nachwirkungen auftreten.

Ab 1952 wurden in Ost-Berlin systematisch Geschäfte enteignet, deren Inhaber in West-Berlin wohnten, um das "unkontrollierte Abfließen von Zahlungsmitteln der Deutschen Notenbank (Ost) zu verhindern". Apotheken waren wegen der nötigen Sachkunde und der Knappheit von Apothekern und Apothekerinnen zunächst nicht betroffen.

Für Jost spitzte sich die Situation dennoch dramatisch zu:

Die Engel-Apotheke benötigte 2,5kg Sennesblätter, welche die Firma Herbeta (West), Tempelhof, liefern konnte. Der beauftragte einarmige Bote brachte die bestellte Ware in die Apotheke und erhielt dort von der Apothekenhelferin 2,50 DM in bar und 4kg Fencheltee, den die „Engel-Apotheke“ zuvor bei der Firma Herbeta (Ost) bezogen hatte. Der Bote wurde am 7. April 1954 am Kontrollpunkt Mitte von der Volkspolizei durchsucht und wegen Verstoßes gegen die "Verordnung über Versandverpflichtung und Warenbegleitschein" verhaftet und verhört.

Nach diesem Vorfall überprüfte die Volkspolizei verstärkt Apotheken und Drogerien hinsichtlich ihres Einkaufs von Waren aus West-Berlin und West-Deutschland. Jost wurde gewarnt und trat in West-Berlin seinen Jahresurlaub an.

Am 24. Juni 1954 wurde die Engel-Apotheke wegen des "Verstoßes gegen den innerdeutschen Handel" und Verdunkelungsgefahr von Staatsanwalt London geschlossen. Die von Jost eingereichte Beschwerde wurde abgelehnt. Im Januar 1955 wurde die Apotheke endgültig aufgelöst.

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